Auf den Spuren von Magenza – SchUM-Stadt & UNESCO Welterbe

Mazel Tov! Wir sind jüdisches Welterbe! Ganz aktuell  – am 27. Juli 2021! – wurde der Alte Jüdische Friedhof der SchUM-Stadt Mainz Teil des UNESCO-Weltkulturerbes. Dafür sind wir dankbar. Die jüdische Geschichte hat hier wenige Spuren hinterlassen. Aber es gibt sie, besondere Orte und Plätze, die an jüdisches Leben in Mainz erinnern! In diesem Blog-Beitrag findet ihr Anregungen und Tipps für euren Besuch von weiteren bedeutenden Stätten jüdischer Kultur in Mainz !

Mainz zählt – gemeinsam mit Speyer und Worms – zu den sogenannten »SchUM«-Städten am Rhein. Die Stadt gilt als eine der Wiegen des europäischen Judentums. Was  »SchUM« bedeutet? Der Begriff ist ein Akronym. Das heißt, der Begrim »SchUM« setzt sich zusammen aus den Anfangsbuchstaben der mittelalterlichen hebräischen Namen für Schpira, Urmaisa und Magenza.

Mainz ist Schum-Stadt & UNESCO WeltKulturerbe

Die Überreste dieser Zentren des Judentums wurden von der UNESCO auf die Liste des Weltkulturerbes gesetzt. Doch wo überall in Mainz befinden sich Orte, die in irgendeiner Form in Verbindung mit dem jüdischen Leben und der jüdischen Vergangenheit als SchUM-Stadt stehen? Hier eine kleine Sammlung!

1. Der Judensand – Der alte Jüdische Friedhof von Mainz

Er befindet sich so selbstverständlich seitlich der Mombacher Straße, in der Tag und Nacht der Verkehr vorbei rauscht, dass man ihn als Mainzer im Alltag kaum wahr genommen hat. Das ist jetzt anders. »Masel tov! Wir sind UNESCO-Welterbe« hängt ein Banner am Zaun.

Es war bisher eher schwierig, ihm zu begegnen, dem Judensand. Dem alten Jüdischen Friedhof. Der  als einmaliges Zeugnis der Blüte des frühen Judentums in Mainz, Pogrome und den Weltkrieg überstanden hat. Mittelalterliche Stelen auf dem alten Denkmalfriedhof erinnern an das jüdische Erbe und bilden damit letztendlich die SchUM-Stätte, die seit dem 27. Juli ganz offiziell UNESCO-Welterbe geworden ist. Möchte man spontan durch den Zaun an der Mombacher Straße lugen – hinein geht es  mit Erlaubnis und in Abstimmung mit der Jüdischen Gemeinde oder einer Führung – ist kaum ein Parkplatz zu erhalten.

Den besten Eindruck erhält man aber ohnehin, kommt man von oben, von der oberhalb verlaufenden Fritz-Kohl-Straße aus. Über die Paul-Denis-Straße, eher ein Schleichweg für Anwohner und Schüler, geht es dann weiter über Treppen hinab, in Richtung Mombacher Straße. Eine gute Möglichkeit, die Dimension der Fläche von Außen zu erfassen.  Informationstafeln geben Hinweise auf die Geschichte, außerdem ist zu erkennen, wo das in Planung befindliche Besucherzentrum seinen festen Platz erhalten soll!

Aus akutellem Anlass werden Führungen bis voraussichtlich 7. September angeboten (Infos hier). Ein guter Ausgangspunkt für euren Erkundungsgang befindet sich an der Ecke Fritz-Kohl-Straße/Paul-Denisstraße hier (Link zu Google-Maps)

2. Völkerverständigung in Blau – die Chagallfenster von St. Stephan

Es ist das Ergebnis von Völkerverständigung und Dialog. Ein Glücksort für die Mainzer und die Welt. Das Blau durchströmt den gesamten Kirchenraum. Die am Morgen im Osten stehende Sonne scheint durchleuchtet die Fenster mit dem intensivsten Blau. Nur kurz am Tag, intensiviert sich das Licht von der Nordseite.


Die ab 1978 in den Ostchor eingebauten blauen Glasmalereien von Marc Chagall (1887 bis 1985), haben der im gotischen Stil erbauten Hallenkirche zu ihrer Bekanntheit verholfen.

„Große Kunst ist immer überraschend einfach“ Klaus Mayer

Der zuletzt in Frankreich lebende große Künstler jüdischer Herkunft mit weißrussischen Wurzeln, war bei der Umsetzung seines Entwurfs im Atelier regelmäßig dabei und hat die Schwarzlotmalerei auf Glas eigenhändig durchgeführt. Die Bibel war ebenso seine Inspiration, wie der Kontakt zu Monsignore Klaus Mayer, dem Mainz diesen einzigartigen Schatz zu verdanken hat. Mayer leitete von 1965 bis 1991 die Pfarrei von St. Stephan und konnte CHagall für die letzte große Arbeit seines Lebens gewinnen.

Dieser Text ist ein Auszug aus: #26 »Einfach mal blaumachen«
Glücksorte in Mainz, Droste-Verlag, Düsseldorf

3. Die Synagoge im Hinterhof

Ihre versteckte Lage auf einem Hinterhofgrundstück diente der kleinen,  zwischen 1737 und 1738 errichteten Synagoge im Mainzer Stadtteil Weisenau gleichsam als Schutz.  Auch diese Synagoge wurde beim reichsweit organisierten Novemberpogrom des nationalsozialistischen Deutschland 1938 geschändet. Eher aus Rücksicht auf die hier besonders enge Bebauung,  blieb sie jedoch von Brandstiftung verschont. 1939 musste das Gebäude nebst zugehörigem Grundstück zwangsweise an die Stadt verkauft werden. Kurze Zeit später gelangte das Anwesen in Privatbesitz. Wie durch ein Wunder überstand die Synagoge die für das restliche Weisenau größtenteils verheerenden Bombenangriffe 1944/45.

Anlässlich der  Recherchen zu der Ausstellung „Juden in Mainz“, wurde die Synagoge in heruntergekommenem Zustand „ wieder entdeckt“ und 1985 unter Denkmalschutz gestellt.
Die ehemalige Synagoge ist damit das älteste, noch erhaltene Bauwerk von Weisenau. Und eine der wenigen erhaltenen Synagogen überhaupt.

Dieser Text ist ein Auszug aus: #94  Die Synagoge im Hinterhof
111 Orte in Mainz, die man gesehen haben muss (Emons-Verlag, Köln)

4. Der neue jüdische Friedhof (& der hauptfriedhof)

Südlich des Mainzer Hauptfriedhofs schließt sich in der ganzen Breite der neue jüdische Friedhof mit der im maurischen Stil erbauten jüdischen Trauerhalle. Dieser wurde im Januar 1881 seiner Bestimmung übergeben, nachdem der alte jüdische Friedhof „Am Judensand“ zwischen der Wallstraße und der Mombacher Straße wegen der angehenden Stadterweiterung geschlossen wurde. Beim Besuch des Neuen Jüdischen Friedhof empfiehlt sich auch der Besuch des Mainzer Hauptfriedhofs, der auf Veranlassung von Jeanbon Baron de St. André, Präfekt in Diensten Napoleons.

Er folgte damit der 1804 in Paris erlassenen neuen Friedhofsgesetzgebung. So mussten die alten Kirchhöfe innerhalb der Festungsmauern aus hygienischen Gründen aufgegeben werden. Im Gegenzug war der 1803 eingeweihte Hauptfriedhof als „Zentralfriedhof“ zu belegen.  Mit einer Fläche von fast zwei Quadratkilometern zählt der Friedhof zu den größten Grünräumen der Stadt und ist zudem deren beeindruckendste Begräbnisstätte.

Dieser Text ist ein Auszug aus: #50 Der Hauptfriedhof
111 Orte in Mainz, die man gesehen haben muss (Emons-Verlag, Köln)

5. Der Maxborn

Der ‚Maxborn’ wurde 1911 im Auftrag der jüdischen Eheleute August und Johanna Saarbach im Gedenken an ihren früh verstorbenen Sohn Max errichtet. Der Vater von August Saarbach (1854-1912) – und damit Großvater von Max – war der jüdische Weinhändler Eduard Saarbach. Er hatte 1840 eine auf Spitzenweine des Rhein- und Moselgebiets spezialisierte Weinhandlung gegründet. Sohn August lieferte Weine später auch an ausländische Kunden. Dazu zählten Vertreter des internationalen Hochadels und amerikanische Millionäre.

Mitsamt drei Söhnen und drei Töchtern zogen die Saarbachs 1909 in ihre Gonsenheimer Sommervilla in der Heidesheimer Straße 45. 1910 starb der älteste Sohn Max im Alter von nur 15 Jahren an einer schweren Krankheit.

Ein Brunnen und eine Trauerweide zum Gedenken

Die gebogene Brunnenwand aus Muschelkalk zeigt in der Mitte das Relief eines knienden Knaben mit einem welkenden Blumenstrauß in den Händen. Die jedermann zugängliche Fläche war damals Eigentum der Familie Saarbach. Seit 1912 Witwe, verstarb Johanna Saarbach 1941 in dem jüdischen Altersheim an der Gonsenheimer Hohl (heute Fritz-Kohl-Straße). Die Nachkommen der Saarbachs waren in den 1930er Jahren aus Deutschland geflohen. Der Laufbrunnen führte noch bis zum Zweiten Weltkrieg Trinkwasser. Nach einer  Restaurierung befindet er sich wieder in seinem ursprünglichen Zustand.

Dieser Text ist ein Auszug aus: #72 Der Maxborn
111 Orte in Mainz, die man gesehen haben muss (Emons-Verlag, Köln)

6. Die Mehrzweckhalle

Die kleine Turnhalle im Schulhof wurde mitsamt der Feldbergschule um 1900 nach Plänen des Stadthochbauamtes unter dem Architekten und Stadtbaumeister Adolf Gelius (geb. 1863, gest. 1945) erbaut. Einen besonders dunklen Punkt in ihrer Vergangenheit erlebte der kleine Backsteinbau mit hohen Staffelgiebeln, als rund 1.000 jüdische Bürger aus Mainz und Hessen am 20. März 1942 dort versammelt wurden, um in Vernichtungslager abtransportiert zu werden.

 

Als der jüdische Mainzer Kulturdezernent und Regierungsrat Michel Oppenheim am 17. November 1945 an die französische Militärregierung einen Antrag auf Neubildung einer Jüdischen Gemeinde in Mainz stellte, wurde noch am selben Tag die Erlaubnis erteilt.
Bereits am 9. November 1945 fand die Wiedergründung der jüdischen Religionsgemeinde mit 20 Mitgliedern statt. Weil die finanziellen Mittel beschränkt waren, wurde  im Frühjahr 1947 beschlossen, die kleine Turnhalle der Feldbergschule wiederherzustellen und als „Behelfs-Bethalle“ einzurichten. Geschmückt wurde die am 10. September 1947 eingeweihte und bis 1952 genutzte Synagoge durch eine aufwändig gestaltete Decke mit ornamentalem Blumendekor.

Dieser Text ist ein Auszug aus: #73 Die Mehrzweckhalle
111 Orte in Mainz, die man gesehen haben muss (Emons-Verlag, Köln)

7. Eine Synagoge mit Objektcharakter

Wie ein monumentales Gebirge aus glitzerndem Metall ragen die fünf Zacken auf dem Synagogenplatz zwischen den Häusern der Mainzer Neustadt hervor. 10.000 Bürger wollten allein am Tag der offenen Tür – zwei Tage nach der Einweihung am 3. September 2010 – die neue Synagoge besichtigen. Der Grundstein zu einer neuen Synagoge wurde erstmals 1962 gelegt. Erst 1996 befasste man sich erneut mit dem Bau einer Synagoge, genau auf dem Platz, auf dem die frühere, in der Reichsprogrogromnacht zerstörte Hauptsynagoge gestanden hat.


Nach vielen Diskussionen über den gewagten architektonischen Entwurf des Siegers, Architekt Manuel Herz, konnten die neue Synagoge und das jüdische Kulturzentrum im Sommer 2010 übergeben werden. Geradlinig und abstrakt zugleich, ist die neue Synagoge schon aufgrund ihrer äußeren Architektur einen Weg wert.

Hier befand sich auch die 1911 bis 1912 erbaute Hauptsynagoge.  Über 1000 Menschen fanden in dem von Stadtbaumeister Eduard Kreyßig geplanten Bau Platz. In der Nacht zum 10. November 1938 wurde sie von den Nationalsozialisten zerstört. Zu sehen sind heute lediglich die Reste des ehemaligen Säulenvorhofs. Diese wurden 1988 wieder gefunden und sind zum 50. Jahrestag der Zerstörung als Denkmal der Mahnung neu aufgestellt worden.

Dieser Text ist ein Auszug aus: #95 Eine Synagoge mit Objektcharakter
111 Orte in Mainz, die man gesehen haben muss (Emons-Verlag, Köln)

MEHR zu Mainz & MAGENZA

Unterwegs auf den Spuren von Magenza – per App

Für uns war die Erstellung einer Stadttour per App absolutes Neuland. Die Web-App lialo.com – eine Abkürzung für „like a local“-  war uns aber sofort symphatisch. Ein App-Download ist nicht nötig. Es ist auch keine Anmeldung notwendig. Perfekt also, um direkt mit unserer Tour durch Mainz loszulegen!

Eine Stadtentdeckung per App sehen wir als Ergänzung zu unseren Live-Stadtführungen für all diejenigen, die am liebsten alleine und/oder zu Zeiten unterwegs sind, an denen wir keine Stadttour anbieten. Auf den Spuren des jüdischen Mainz geht es per lialo-App zu Insider-Tipss und versteckten Orten in Alt- und Neustadt. Natürlich erfahrt ihr alle wichtigen Fakten zur Geschichte von Magenza, wie die einstige SchUM-Stadt Mainz auf hebräisch genannt wird.

Start ist an der Heunensäule auf dem Mainzer Liebfrauenplatz. Das Ziel ist die neue Synagoge in der Mainzer Neustadt. Spannende Rätselfragen gibt es übrigens außerdem. Perfekt also, für eine spannende neue Tour durch unsere Lieblingsstadt!

Zum Start geht es hier.

Unterwegs auf den Spuren von Magenza – Per Buch

Die über 1.000-jährige, bedeutende jüdische Geschichteder SchUM-Stadt Mainz hat wenige Spuren hinterlassen. In der Innenstadt erinnern heute in erster Linie Gedenktafeln an frühere Orte einer kulturellen Blüte, aber auch an jüdisches Leben im Ghetto und Pogrome.

 

 

»Mainz zu Fuß« lautet der Titel des Stadtführers mit insgesamt 10 Touren durch die Stadt am Rhein. Das Kapitel »Unterwegs in Magenza« widmet sich ausschließlich der jüdischen Geschichte in der Stadt und folgt teils unsichtbar gewordenen Spuren. Der Weg führt von der Mainzer Altstadt in die Neustadt und verbindet Orte und  Plätze, die eine bedeutsame Rolle in diesem Zusammenhang spielen.

Mehr Infos »Mainz zu Fuß« (Societäts-Verlag, Frankfurt)

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